Aktuelles aus dem Kirchenbezirk

Europa - und rund dreißig Pfarrer aus dem Kirchenbezirk Balingen. Ein Bericht vom Pfarrkonvent 2019

Europa – und dreißig Pfarrer aus dem Kirchenbezirk Balingen

Straßburg. Seit einigen Tagen richten sich alle Augen auf Straßburg – mal hoffnungsvoll und neugierig, mal irritiert und ernüchtert. Europäische Politik erwies sich in den Vorgängen um die Wahl der Präsidentschaft der EU-Kommission als Mustergrund für Skepsis in Sachen Europapolitik: Zu viel Hinterzimmer, zu viel Vetterleswirtschaft, zu viele Absprachen über Ämter und ein Kandidatenkarussell, dass sich abwechselnd mal nicht und mal rasend schnell drehen konnte. Wer europaskeptisch nach Straßburg blickte, der konnte sich nur bestätigt sehen: Nur eine weitere Bühne, wo Politik fernab der Bürger betrieben wird.

Und genau dorthin hat es die rund dreißigköpfige Gruppe von Pfarrern aus dem Kirchenbezirk Balingen zum diesjährigen Pfarrkonvent geführt. Fünf Tage lang war ein Großteil der Pfarrerschaft des Dekanats Balingen in Straßburg zu Gast, um sich mit theologischen, gesellschaftlichen und politischen Fragen zu beschäftigen. Mitten im Europaviertel untergebracht, im gastfreundlichen, katholisch geführten Centre Culturel Saint Thomas, erwartete die Delegation ein volles Programm: Referenten aus den verschiedensten Fachbereichen gaben Einblicke in ihr Betätigungsfeld. Über die Arbeit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Straßburg und Brüssel berichtete der Executive Secretary to CEC, Sören Lenz. Er betonte, wie wichtig die Arbeit dieses ökumenischen Dachverbandes der Kirchen in Europa sei, wenn es um ethische Interessen und die Verständigung zwischen den Kulturräumen Ost- und Westeuropas gehe. Anschließend führte ein Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, der in Straßburg als Dolmetscher arbeitet, die Reisegruppe durch das Europaviertel. Ein stets präsentes Thema war, wie Kirche dem Thema Rechtspopulismus adäquat und im besten Sinne evangelisch begegnen kann. PD Dr. Eva Harasta, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, zeigte Standpunkte, Gefahren und Chancen in diesem weiten Feld auf. Auch ein Besuch im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte stand auf dem Plan. Teil dieser Führung war auch ein Austausch mit der Leiterin der deutschen Juristenabteilung des Gerichts. Das Gericht in Straßburg beschäftigt sich mit Fällen, in denen Staaten gegen die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) verstoßen. Jeder einzelne Bürger eines der 47 Unterzeichnerländer der EMRK hat das Recht, sich an den Gerichtshof zu wenden, dort seine Beschwerde vor zu bringen und notfalls gegen einen Staat einzuklagen.

Auch die Arbeit im EU-Parlament wurde den Pfarrern von einem „Insider“ geschildert: Der Friedensforscher und ehemalige EU-Abgeordnete ,Tobias Pflüger (MdB), gab Einblicke über die Arbeit auf dem europäischen Parkett. Schwerpunkt seines Berichts lag auf den Herausforderungen an ein modernes und freies Europa, das sich mehr und mehr mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und Nationalismus befassen muss.

Eine knappe Woche mit vollem Programm ging für die Pfarrerschaft natürlich nicht ohne Besichtigung der Stadt Straßburg zu ende. Eine kleine Exkursion zur zeitgleich stattfindenden Elsass-Etappe der Tour de France hatte ebenso Platz im Zeitbudget, wie auch der kollegiale Austausch unter den Pfarrern darüber, was in den jeweiligen Kirchengemeinden „zwischen Haigerloch und Ostrach so dran ist“.

Ein Zwischenfazit dieser Exkursion von Balingen ins Europaviertel Straßburgs könnte lauten: Europa, seine Herausforderungen und eben auch seine Chancen, sind nicht in einer politischen Blase in Straßburg oder Brüssel abgekapselt. Europa passiert in den Kirchengemeinden, in den Kommunen, in den Köpfen der Menschen vor Ort. Nur da, wo Ängste vor der Idee Europas abgebaut werden, wirken auch die Einrichtungen der EU und des Europäischen Rates nicht bloß wie die Manifestation eines Machtgeklüngels. Kirche als prägender Teil einer modernen Gesellschaft muss mit den Vorbehalten, mit den Ängsten und Sorgen der Glieder umgehen und sie ernst nehmen. Wo sich Teile der Gesellschaft missachtet, überhört und übersehen fühlen muss Kirche mehr denn je hinhören und hinsehen. Auch die berechtigten Irritationen über einen aufgeblähten oder für manche Bürger korrupt wirkenden „EU-Apparat“ kann Kirche nicht einfach von der Hand weisen oder ignorieren. Gerade solches gilt es ernst zu nehmen und auch als gemeinsame Herausforderung einer Kirche in Europa zu sehen – notfalls auch laut dagegen zu protestieren, wo sich Machtstrukturen und Wählersorgen auseinander bewegen. Europa ist nicht Aufgabe der Politiker, sondern der vielen einzelnen Menschen einer Gesellschaft – und darum eben auch eine Aufgabe der Kirche vor Ort. Denn wo Menschen sich in einer Kirchengemeinde mit Respekt und Offenheit begegnen, ohne immer gleich einer Meinung sein zu müssen, wo sie sich mit den Nöten und Sorgen ihres Nächsten solidarisieren – auch ohne selbst betroffen zu sein, da wird im Kleinen bereits das gelebt, was letztlich das Miteinander der Nationen in Europa prägen sollte und vielleicht auch kann und wird.