"Gedanken zum Sonntag"

Hier finden Sie eine Auswahl der "Gedanken zum Sonntag", die in den Samstagsausgaben des Zollern Alb-Kurier erschienen sind.

Gedanken zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2020

In diesen Tagen geht ein komisches Schuljahr zu Ende, ein Schuljahr, in dem mit einem Schlag so vieles anders wurde als geplant. Mit der Schließung der Klassenzimmer im März begannen unruhige und anstrengende Zeiten für alle Schulleitungen und Lehrkräfte. Schule und Unterricht mussten ganz neu erfunden werden. Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer sowie die Schülerinnen und Schüler mussten in einen ganz neuen Arbeitsmodus hineinfinden und auch der Alltag in den Familien war plötzlich auf den Kopf gestellt. Bis heute gehen viele Pläne nicht auf: Schulabschlussfeiern finden nur in abgespeckter Form statt und so manches Reisevorhaben der Schulabgänger ist über den Haufen geworfen.
Das Haus des Lernens ist zu einer Baustelle geworden. Aber auch sonst passt das Bild der Baustelle. Nicht nur die Schule, auch das Leben ist eine Baustelle. In diesen Tagen ist das vielleicht noch bewusster als sonst. Wir bauen an unserer Persönlichkeit, an unserer Zukunft, an unserem Miteinander, an unserer Gesellschaft. Und immer wieder müssen wir uns auf die aktuellen Ereignisse einlassen und gegebenenfalls Planänderungen in Kauf nehmen.
Auch in der Bibel wird erstaunlich viel gebaut. Real und im übertragenen Sinne. Jesus, der Zimmermannssohn, sagt in einem Gleichnis, was helfen kann, damit ein Bau gelingt:
„Darum, wer auf mich hört und tut, was ich sage, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ (Mt 7, 24-27)
Auf das Fundament kommt es an, auf das wir unser Lebenshaus stellen, das leuchtet ein. Es gibt Fundamente, die halten einem Sturm stand, andere rutschen weg und erweisen sich als wenig stabil in unruhigen Zeiten. Ich denke, in den letzten Monaten haben wir erlebt, was felsenfest getragen hat und was eben nicht gehalten hat!  Was hat Sie getragen?
Allen Baumeistern und vor allem jenen, die jetzt die Schule verlassen und einen neuen Bauabschnitt beginnen, wünsche ich ein tragfähiges Fundament aus Worten und Werten des Glaubens. Dazu das Vertrauen und die Zuversicht, dass ihr Leben gelingt. Auf diesem Boden mögen sie aufrecht, aufgerichtet und gestärkt weiterbauen – mit Gottes Hilfe.

Pfarrerin Gudrun Ehmann, Bisingen 

Gedanken zum Sonntag Kantate, 10. Mai 2020

„Die singende Gemeinde“

ist in der Evangelischen Kirche das Leitthema zum morgigen Sonntag Kantate. Dazu gehört ein Bibelwort als Wochenspruch aus Psalm 98: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“
Dieser Sonntag, eingereiht in die Sonntage nach Ostern, lässt in uns etwas anklingen von der großen Osterfreude und Osterbotschaft und zwar mit einer Zuspitzung: Neue Lieder sollen erklingen angesichts der Überwindung des Todes schlechthin. Nicht mehr gelten sollen die Mächte oder Gesetze der Gewalt, der Zerstörung, der Verzweiflung, der Nötigung, der Angst, der Todesgefahr … Vielmehr soll gelten, kraft des Auferstandenen, dass eine neue Lebensbotschaft sich breitmachen will und alles anstecken will hin zu einer Glaubenshoffnung und deshalb hin zu einer kraftvollen und mutigen Lebenshaltung, die sich einsetzt für Versöhnung, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit …
Anders gesagt ermutigt dieses Sonntagsthema uns, einen neuen Blick zu entdecken für unser Leben, unsere Gesellschaft und Welt und für unsere Schöpfung.

Mit unterschiedlichen Schritten beginnen in diesen Tagen die Lockerungen der gesellschaftlichen Einschränkungen angesichts der Corona-Pandemie.
Einerseits freue ich mich auf diese Lockerungen mit der Erwartung, dass es wieder eine Normalität gibt, die allerdings eine andere Normalität sein wird als vor der Krise. Andererseits frage ich mich, ob es wohl neue Einsichten, Betrachtungsweisen und Bewertungen geben wird. Es kann doch nicht die Fortsetzung der alten Regeln und Gewohnheiten sein! Was hätten wir dann gelernt, angesichts der Ängste, der vielen Toten, der erlittenen Einschränkungen privat und gesellschaftlich.
Welche neuen Lieder würden Sie gerne anstimmen? Welche neuen Einsichten sind Ihnen schon gekommen? Und: Welche neuen Erkenntnisse setzen Sie schon um oder stehen ganz fest auf Ihrem Plan?

Anschaulich erzählt eine kurze österliche Geschichte von neuen Einsichten mit der Überschrift „Neue Augen“: „In Frankreich, und zwar in der Gegend von Piemont, gibt es einen alten Brauch. Wenn am Morgen des Ostersonntags zum ersten mal die Glocken läuten, laufen die Kinder und Erwachsene an den Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit kühlem, kaltem Brunnenwasser. Manche wissen wahrscheinlich gar nicht mehr, warum sie zum Brunnen laufen, - wie so oft bei Bräuchen – sie rennen einfach mit den anderen mit. Aber die ganze Handlung war ursprünglich eine Art Gebet, in dem die Menschen um neue Augen, um Oster-Augen baten. Sie wollten besser „sehen“, besser „ein-sehen“ können, was durch die Auferstehung anders geworden ist in ihrem Leben, im Leben aller Menschen … Sie wollten besser den Jesus „sehen“ können, der nicht mehr tot ist, sondern lebt – mitten unter uns …“

„Neue Lieder“, „neue Augen“ brauchen wir für die Zeit in der Lockerung und die neue Zeit danach, damit wir nicht in alte Muster, Gewohnheiten, Strukturen einfach so zurückkehren. Ein paar Ideen kommen mir in den Sinn: Die Familienarbeit wird nicht nur am Muttertag hochgehalten! Die bislang erlebte Behutsamkeit, Achtsamkeit und auch Verlangsamung sollten sich ins Leben integrieren. Menschen, angefangen bei den Kindern bis hin zu den Alten, bekommen eine größere Aufmerksamkeit und werden nicht nachrangig betrachtet. Die Entscheidungen zum Klimawandel müssen jetzt mit getroffen werden, beispielsweise brauchen wir eine umweltverträglichere Mobilität. Eine dankbare Sicht auf die Werteordnungen unserer Demokratie stärkt die Zivilcourage und Eigenverantwortlichkeit. Was wirklich systemrelevante Berufe sind, wurde jetzt entdeckt. Die Frage, welche Berufsfelder insgesamt dazugehören, wird hoffentlich vertieft werden und mögen sie nicht nur jetzt beklatscht, sondern nachhaltig honoriert werden. Bleiben wir kreativ und singen und komponieren gar selbst neue Lieder, am besten vielstimmig und im Chor mit anderen.

Pfarrer Horst Jungbauer, Pfarramt Hechingen-West

Gedanken zum Sonntag Palmarum, 5. April 2020

Kopflos oder treu?
Unbeirrt weitergehen
Das wäre das Schlimmste, was uns in der Corona-Krise jetzt noch zusätzlich passieren könnte: Kopflos zu werden. Panik zu bekommen. Ohne Sinn und Verstand zu handeln. Die allermeisten Menschen sind diszipliniert und verständig. Aber Sorge und Angst setzen uns zu. Unsicherheit nagt an uns, wie lange die Krise wohl noch dauern und was danach kommen wird. Auch psychische Belastungen nehmen zu. Es ist schwer, all das auszuhalten. Die Gefahr ist gegeben, ungeduldig zu werden, sich vorschnell Abhilfe verschaffen und wieder Sicherheit gewinnen zu wollen. Deshalb sind die Befürchtungen, kopflos zu werden, gar nicht so weit hergeholt. Im Netz werden Verschwörungstheorien verbreitet. Schuldige ausmachen zu können und selbst zum Kreis der Wissenden zu gehören gibt ein erhabenes Gefühl. Man kann die Vorgänge einordnen.
Auch im christlichen Bereich beobachte ich Reaktionen, die Erklärungen geben wollen, wo vieles offen ist. Einerseits sprechen einige davon, dass wir nun in der Endzeit angelangt seien und die in der Bibel aufgeführten Katastrophen über uns hereinbrechen würden. Andere wiederum sind sich sicher, dass das Corona-Virus uns nichts anhaben könne, wenn wir nur im richtigen Glauben stehen. Gemeinsame Gottesdienste könnten also unbesorgt gefeiert werden.
Der kommende Sonntag ist der Palmsonntag. Als Christinnen und Christen erinnern wir uns daran, wie Jesus in Jerusalem eingezogen ist. Viele am Straßenrand jubelten ihm zu. Sie sahen in ihm den neuen König, der ihrer Not ein Ende machen und die Römer aus dem Land jagen würde.
Doch entgegen aller Erwartungen geht Jesus unbeirrt seinen Weg. Er schwenkt nicht um vom armen Wanderprediger zum triumphierenden Kriegsherrn hoch zu Ross. Ihn trägt ein Esel. Ein ruhiges, unscheinbares Tier, das ganz zu seiner Haltung passt. Es ist das Tier der kleinen Leute, nicht der mächtigen Herrscher. Und bei den „normalen“ Menschen ist und bleibt er nach wie vor, egal, was andere von ihm erwarten, egal, ob die Menschen ihm zujubeln oder später „Kreuzige ihn“ rufen. Er bleibt seiner Linie der Gottverbundenheit und der Menschenliebe treu. Auch wenn ihn das in Extremsituationen führt, viel von ihm abverlangt. Ja, am Ende sogar das Leben kostet.
Bleiben auch wir unserer christlichen Botschaft treu. Wir gehen den Weg der Nächstenliebe an der Seite der kranken, sterbenden und psychisch labilen Menschen oder ganz einfach in der Verbundenheit mit unseren Familienangehörigen und Nachbarn und unserem Land. Ganz sicher sind es schwere Situationen, die wir durchleben; christlich gesprochen können wir auch von Passionszeiten reden. Wir gehen sie in Treue. Und nicht kopflos. Aber dennoch mit Zuversicht und Hoffnung. Wir wissen, nach Karfreitag kommt Ostern.

Pfarrerin Birgit Wurster, Stadtkirchengemeinde Balingen