"Gedanken zum Sonntag"

Hier finden Sie eine Auswahl der "Gedanken zum Sonntag", die in den Samstagsausgaben des Zollern Alb-Kurier erschienen sind.

Sonntag Judika, 7. April 2019

Womit mache ich mir das Leben unnötig schwer, worauf sollte ich besser verzichten? Viele Menschen stellen sich solche Fragen um diese Jahreszeit. Manchem dient die Schlankheitskur einfach dazu, ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden. Für andere hat dies einen religiösen Hintergrund – die christliche Fastenzeit, die an das Leiden und Sterben von Jesus Christus erinnert und vorbereitet auf Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Die evangelische Kirche hat als Motto der diesjährigen Fastenzeit gewählt: „Sieben Wochen ohne Lügen“. Ist das überhaupt eine Fastenaktion – auf Lügen zu verzichten? Diese kritische Frage hörte man immer wieder in den vergangenen Wochen. Andere Formen des Verzichts scheinen vordringlicher zu sein in unserer Zeit.
Mich beeindruckt die Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit, mit der junge Menschen auf die Straße gehen, um zu erreichen, dass es im Klimaschutz endlich zu konkreten und wirkungsvollen Maßnahmen kommt, bevor es zu spät ist. Fasten für den Klimaschutz, sieben Wochen ohne Plastikverpackungen. Solche Aktionen brauchen wir, keine fake news, die den Klimawandel leugnen. Wir brauchen den Mut, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Nur so kann sich etwas verändern. „Sieben Wochen ohne Lügen.“ Da geht es um mehr als die kleine Notlüge an den Gastgeber, dass das Essen geschmeckt hat. Wahrheit ist untrennbar verbunden mit Freiheit und Gerechtigkeit.
„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ So sagt es Jesus Christus in Joh 8,32. Wo die Wahrheit verdreht oder totgeschwiegen wird, ist es auch mit der Freiheit vorbei. Da bleiben früher oder später Menschen auf der Strecke, und die Verlierer sind am Ende wir alle. Das gilt nicht nur für den globalen Klimawandel, sondern auch für so manchen Klimawandel in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine wirkliche Veränderung zum Guten ist nur möglich, wenn ich bei der Wahrheit anfange. Nur wenn ich ehrlich zu mir selber und zu anderen bin, lassen sich Probleme konstruktiv und gemeinschaftlich lösen – im Großen wie im Kleinen. Der Weg der Gewaltlosigkeit beginnt mit der Wahrheit. Mahatma Gandhi, der diesen Weg gegangen ist, setzt die Wahrheit daher an die erste Stelle seiner fünf Vorsätze für den Tag: „Ich will bei der Wahrheit bleiben. Ich will mich keiner Ungerechtigkeit beugen. Ich will frei sein von Furcht. Ich will keine Gewalt anwenden. Ich will in jedem zuerst das Gute sehen.“

Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer, Haigerloch

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 27. Januar 2019

Der lange Atem Gottes

Das neue Jahr ist in Gang gekommen. Der Alltag hat uns wieder. Morgens aufstehen, Auto kratzen, los. Same procedure as every day …
Auch für Mose hatte der Tag begonnen wie jeder andere... Das Autokratzen blieb ihm zwar erspart, dafür musste er aber auf eine Schafherde aufpassen mitten in der Steppe. Auch das kann anstrengend werden, zumal wenn man im Hinterkopf immer noch die Sorge um die eigene Familie hat, die unter untragbaren Bedingungen ihr Dasein in Ägypten fristet.
… Aber dann kam alles anders. Ein brennender Dornbusch, der doch nicht verbrennt. Das weckte sein Interesse. Dazu die Stimme: „Mose!“ Ihm war schnell klar: das war nichts Gewöhnliches. Das war Gottes Stimme, besonderes Land, heiliger Boden. Eine Scheu überfiel ihn, er zog seine Schuhe aus und streifte damit den Alltagsstaub ab – die Sorge um die Schafe stellte er für einen Augenblick hintenan und war ganz Ohr.
„Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Schreien gehört“, fuhr die Stimme fort. „Ich will sie aus diesem Land hinaufführen in ein gutes und weites Land. Du aber geh zum Pharao und sag ihm: ‚Lass mein Volk ziehen!‘“ „Waaas???“ Mose traute seinen Ohren nicht. Er? Zum Pharao? Das schien ihm völlig ausgeschlossen. „Wer bist du überhaupt, der du mir solches zutraust?“ „Ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde mit dir sein,“ so antwortete Gott. Ich bin der mit dem langen Atem. Ich bin da gewesen als die Welt entstand, ich bin bei Abraham, bei Jakob und bei Josef gewesen und ich bin bei dir, Mose. Also lauf nicht weg, sondern geh deinen Weg! Und Mose ging – er bestand seine große Aufgabe, freilich auch mit schwierigen Tagen und Stunden des Zweifels, das wissen wir.
Dieser Sonntag ist eine Einladung, uns seiner Geschichte anzuvertrauen. Mit ihm unser Alltägliches für ein paar Stunden zu unterbrechen. Alle Sorge um das, was morgen ansteht, für einen Augenblick loszulassen. Stattdessen: ganz da sein, aufhorchen, angesprochen werden. Wo wir Gott hören, da eröffnet sich uns ein weiter Horizont, bekommen wir Anschluss an einen Atem, der länger ist als der unsere. Das kann befreiend wirken – wie im Falle Mose allerdings auch Herausforderungen mit sich bringen. Aber es bringt die spürbare Gewissheit: Der „ICH-WERDE-SEIN“ geht mit. Er hört mich. Er sieht mich. Mein oft kleingehackter Alltag und meine kurzatmige Sorge stehen in seinem großen Horizont. Das macht den Boden unter meinen Füßen fest und den Blick weit. Hoffnung für die Seele. Gott sei Dank!

Pfarrerin Gudrun Ehmann, Evang. Pfarramt Bisingen II