"Gedanken zum Sonntag"

Hier finden Sie eine Auswahl der "Gedanken zum Sonntag", die in den Samstagsausgaben des Zollern Alb-Kurier erschienen sind.

Gedanken zum 1. Advent, 1.12.2019

Kirchenwahlen am 1. Advent

Die Kirchenwahlen der evangelischen Kirche finden wieder am ersten Advent statt. Diesen Termin finde ich nicht sehr geschickt. Aber ich weiß kennen bessern, der wirklich überzeugt.
Das besondere Datum vom ersten Advent hat eine freilich eine unfreiwillige Botschaft, bei der sich der Advent mit den Kirchenwahlen verbindet: „Der Herr ist nahe! - Und gekommen ist die Kirche.“
Man kann diese unfreiwillige Botschaft als Wasser auf die Mühlen aller Spötter dieser Welt verstehen. Aber man muss nicht. Es gibt einen tieferen Zusammenhang. Die nach Spott klingende Botschaft: „Der HERR ist nahe!“ - Und gekommen ist die Kirche!“ dürfen wir positiv verstehen und selbstbewusst sagen: „Ja, gekommen ist die Kirche - und zwar die weltweite, unsichtbare Gemeinschaft aller wahrhaft Glaubenden, die sich in allen sichtbaren Kirchen der Welt findet!“
Ja, wir sind die Kirche Jesu! Das dürfen wir nicht verleugnen. Denn wie schnell verstummen wir, wenn auf die Versäumnisse und Fehler, bis hin zu den Verbrechen der Kirche bzw. der Kirchenvertreter hingewiesen wird. Aber auch hier gilt: Jeder von uns lebt aus der Gnade und Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus. Und so leben auch unsere Kirche und ihre Kirchengemeinden aus der Gnade und Barmherzigkeit Jesu. Die Botschaft: „Der Herr ist nahe! - Und gekommen ist die Kirche...“ muss man ergänzen mit: „... und sie lebt aus der vergebenden Nähe des Herrn!“

Heute sind Kirchenwahlen. Wir sind sehr dankbar für alle, die für Amt des Kirchengemeinderates kandidieren. Sie dürfen wissen: Jeder Kirchengemeinderat ist ein Mitarbeiter nicht nur an der sichtbaren Kirche, sondern immer auch an der unsichtbaren, weltweiten – und ewigen Gemeinschaft aller Glaubenden.
Ja, diese Gemeinschaft hat „Ewigkeitscharakter“. Die alten Theologen unterscheiden zwischen der kämpfenden Kirche hier auf Erden - und der vollendeten Kirche im Himmel. Aber beide gehören zusammen. Die eine wird zur anderen. Merken Sie es? Hier kommen adventliche Töne in die Arbeit des Kirchengemeinderates! Vielleicht ist der Termin Kirchenwahlen am ersten Advent also doch nicht so unpassend, egal wie geschickt oder ungeschickt er ist.

In diesem Sinne wünsche ich meiner Kirche eine gelingende Kirchenwahl und uns allen eine segensreiche Adventszeit,

Ihr Pfarrer Hess.

 

 

Gedanken zum Reformationstag, 31. Oktober 2019

Christliche Freiheit und Bewährung

Dass es beim Gedenktag der Reformation wesentlich um das Moment der Freiheit unseres Lebens geht, das möchte ich anhand Martin Luthers Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" darlegen.
Sie zählt zu den großen Reformationsschriften des Jahres 1520 und stellt nach Luthers eigenen Worten "die ganze Summe eines christlichen Lebens" dar:
"Zum ersten. Damit wir gründlich erkennen können, was ein Christenmensch ist und wie es um die Freiheit bestellt ist, die ihm Christus erworben und gegeben hat, von der St. Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Thesen aufstellen:
Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan."
Luther begründet diese scheinbar paradoxen zwei Thesen mit 1. Korinther 9,16, Römer 13,8 und Galater 4,4 und fährt fort:
"Zum zweiten. Um diese beiden widerständigen Reden von der Freiheit und der Dienstbarkeit zu verstehen, sollen wir eingedenk sein, dass jeder Christenmensch von zweierlei Natur ist, geistlicher und leiblicher. Nach der Seele wird er ein geistlicher, neuer, innerlicher Mensch genannt, nach dem Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und äußerlicher Mensch genannt. Und um dieses Unterschiedes willen werden von ihm in der Schrift Sätze gesagt, die stracks widereinander sind, wie ich jetzt gesagt habe von der Freiheit und Dienstbarkeit."
Von Punkt drei bis Punkt neunundzwanzig entfaltet Luther nun seine Vorstellung von christlicher Freiheit, die für ihn nicht bloß der Rückzug in die Freiheit des geistigen Gotterlebens ist, sondern vielmehr ist für ihn der geistliche Mensch der ganze Mensch, auch nach seiner leiblichen Seite, aber als der neue Mensch in Christus. Freiheit ist für Luther ein von Christus erwirktes, aber dann auch in die Weltbezüge und in das Handeln weiterwirkendes Geschehen.
Luther beschließt seine Freiheits-Schrift:
"Zum dreißigsten. Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe ... Sieh, das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, die alle andere Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Das gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten. Amen."
Dafür ist Gedenktag der Reformation da, sich dieser Freiheit zu vergewissern, natürlich auch gegenüber den kirchlichen Vereinnahmungsversuchen. Denn das hat der reformatorische Aufbruch auch gebracht: An die Stelle der Herrschaft der Kirche über die Welt tritt der Dienst des Christen am Nächsten. Das gesamte Leben wird von der geistlichen Umklammerung befreit. Aus der geistliche regulierten und beherrschten Welt wird der Ort der Bewährung und Glaubensübung für den Christen, gleichzeitig der Ort, wo ihm der Nächste entgegentritt. Aus Glauben übt der Christ in der Welt Zucht gegen sich und Liebe zum anderen. Der Nächste ist nicht mehr Gegenstand und Mittel einer selbstsüchtigen Barmherzigkeit, sondern ist Bruder und Schwester, hinter dem und der die Gestalt Christi steht. Wie Gott am Glaubenden handelt, so darf der Glaubende an seinem Nächsten handeln. So wird der bisher egoistisch verkümmerte Glaube zu einer in die Welt strömenden Gotteskraft, zu einer freien, gleichzeitig weltüberlegenen und weltoffenen Haltung.
Wie kann das anfangen?
Vielleicht durch Einstimmen in diese Worte: "Ich möchte gerne frei sein von meiner Angst, gegen den Strom zu schwimmen, damit ich tun kann, was recht ist.
Ich möchte gerne frei sein von dem Zwang, immer nur an mich selber zu denken, damit ich auch den anderen sehe. Ich möchte gerne frei sein von meiner Art, den bequemsten Weg zu gehen, damit ich mich mit gutem Gewissen freuen kann über das Erreichte.
Ich möchte gerne frei sein von der Lieblosigkeit anderen gegenüber, die mir nicht liegen, damit es mir nachher nicht leidtut.
Ich möchte gerne frei sein von meinem Neid auf jeden, der etwas ist oder hat; denn Neid macht nicht fröhlich.
Ich möchte gerne frei sein von meiner Schuld, die mich immer wieder bedrückt, damit ich neu anfangen kann."

Dekan Beatus Widmann, Balingen

Gedanken zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 18. August 2019

Hauptgewinn – das Leben selbst (Phil 3,7-14)

„Gewonnen“, ruft meine Tochter voller Freude als sie die letzte Karte ablegt, und folglich habe ich verloren. Gewinnen oder Verlieren – so ist meistens auch die Welt der Erwachsenen strukturiert. Bei Spiel und Sport, aber auch im Beruf, im politischen Bereich und oft genug in der Familie. Mit dem Spaß ist es dann meistens vorbei; es wird ernst, weil es scheinbar um das Ganze geht.
Wann ist man in der Erwachsenenwelt ein Gewinner? Die meisten halten materiellen Gewinn für das Wichtigste. Gewinner ist, wer viel Geld hat und sich vieles leisten kann. Was man nicht durch die Arbeit verdient, geerbt hat oder am Kapitalmarkt erwirtschaftet, muss man auf andere Weise gewinnen: Glückspiel, Zinswetten, aber auch Steuerbetrug oder Ausbeutung– immer mit der Chance auf den großen Gewinn.
Wie wird man aber im Leben zum Gewinner? Geld und anderer materieller Reichtum taugen nicht wirklich dazu, glücklich zu werden, auch Glücksspiele helfen da nicht. Was wirklich zählt hat Paulus irgendwann begreifen müssen, und sein Leben hat eine radikale Wende erfahren. Vorher hatte er auf seine Herkunft und seinen tadellosen jüdischen Lebenswandel gesetzt. Vor Gott, meinte er, durch seine eigene Gerechtigkeit zu bestehen. Doch was ihm so lange Zeit sein Gewinn zu sein schien, entpuppt sich ihm durch die Begegnung mit Christus nun als Schaden. Er hatte nicht gewonnen, sondern verloren und muss begreifen: Ich kann mein Leben nicht gewinnen aus eigener Kraft. Aber ich bin gewonnen durch Christus. Er allein ist mein Gewinn. So beschreibt Paulus seine Bekehrung. Er hat sich von Christus und für Christus gewinnen lassen.
Der Hauptgewinn ist nicht ein Lottosechser, sondern wenn wir uns von Christus gewinnen lassen, werden wir spüren, worauf es ankommt: Jesus gibt sich für uns hin, darum können auch wir geben – unsere Zeit, unsere Liebe und unser Geld. Reich macht uns nicht das, was wir haben, sondern das, was wir geben. Der eigentliche Gewinn liegt im Teilen. So wie Christus sein Leben mit uns geteilt hat, damit wir das Leben gewinnen.
So können wir einstimmen in das Lied von Georg Weissel, der 1642 gedichtet hat (EG346,1): „Such, wer da will, ein ander Ziel,/ die Seligkeit zu finden;/ mein Herz allein bedacht soll sein,/ auf Christus sich zu gründen.“

Pfarrer Markus Gneiting 

Gedanken zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juli 2019

Vom Mut, sich zu verändern
Zachäus schaut nach oben. Der Baum ist höher als er angenommen hatte. Wahrscheinlich war das eine wahnwitzige Idee. Wieso nur, will er diesen Mann aus Nazareth sehen? Viele wundersame Männer tauchen von Zeit zu Zeit in der Stadt auf. Als Zolleinnehmer sieht er sie als erstes. Doch dieser Rabbi Jesus scheint eine ganz besondere Wirkung zu haben. Zachäus hat mitbekommen, dass er Menschen tief im Innern berührt, bis dahin, dass Lahme gehen und Blinde sehen.
Ja, und genau deshalb will er auf diesen Baum. Er muss hören, was der Rabbi zu sagen hat. So wie zur Zeit, will Zachäus einfach nicht weiterleben. Als Zolleinnehmer verdient er eine Menge Geld, aber nicht immer fair. Deshalb gehen ihm viele aus dem Weg und die Gespräche mit den anderen Zöllnern erfüllen ihn nicht. Da muss es doch noch mehr im Leben geben. Deshalb nimmt er all seinen Mut zusammen und schwingt sich auf den ersten Ast. Geschafft. Gute Sicht. Jetzt durchatmen und lauschen.
„Was sagt Jesus da? Umkehr ist möglich? Eingefahrene Wege kann man verlassen. Gott freut sich, wenn Menschen anfangen über ihr Leben nachzudenken, nach dem Sinn fragen und was ihre Aufgabe in dieser Welt sein könnte. Und noch mehr, Gott vergibt, was falsch gelaufen ist.“
Während Zachäus noch über diesen Gedanken nachdenkt, hört er plötzlich, wie jemand unter dem Baum seinen Namen ruft: „Zachäus, komm runter. Heute will ich dein Gast sein. Lass uns reden. Ich glaube, jetzt ist ein guter Zeitpunkt.“
Im gleichen Augenblick streckt Jesus ihm eine Hand entgegen. Ohne zu überlegen springt Zachäus vom Baum. Die Chance lässt er sich nicht entgehen. Die entsetzten Gesichter der umherstehenden Leute nimmt er nicht wahr, ihre Blicke, die sagen: „Was will Jesus denn bei dem?“  In einem persönlichen Gespräch sieht Zachäus seine Chance, dass sich endlich eine neue Perspektive vor ihm auftut. So schließt er die Tür hinter sich - ein Abend offen auszusprechen, was ihm alles auf dem Herzen liegt und dann zu hören, welche Idee Jesus haben könnte.
Niemand weiß, was gesprochen wurde, wie diese Begegnung verlief. Was uns aber überliefert ist: Zachäus wagte neue Wege und gab das zu Unrecht erwirtschaftete Geld zurück. Wie sein Leben anschießend verlief, wissen wir nicht, aber seinem Haus ist Heil wiederfahren, das berichtet Lukas in seinem Evangelium.

Pfarrerin Nicole Gneiting

Gedanken zum Pfingstsonntag, 9. Juni 2019

Ist Gott ein Gespenst?

So wurde ich einmal von einem Schüler gefragt, als ich über Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes sprach. Da habe ich dann gemerkt, dass ich es nochmal anders sagen muss. Nicht nur für Schüler, auch für Erwachsene und auch für mich ist es schwer zu verstehen, was der Heilige Geist eigentlich ist.
Leichter ist zu sagen, was Gottes Geist nicht ist: der Heilige Geist ist nicht greifbar, nicht beweisbar, nicht sichtbar. Er lässt sich nicht festlegen, auch nicht auf eine Theorie, wir können ihn nicht ganz verstehen, so wie wir Gott nicht ganz verstehen können.
Aber was ist dann der Heilige Geist? Das zu sagen ist spannend, weil wir dazu auf Spurensuche Gottes in unserem Leben gehen müssen: vielleicht ist Gottes Geist manchmal spürbar, als Kraft, die ich im Gebet erfahre. „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, wird er in der Bibel genannt. Er ist kein Gespenst, denn statt wie ein Gespenst Angst einzujagen, heißt es in der Bibel, dass er die Furcht vertreibt. Wo können wir das erleben?

Was vielen Jugendlichen heute zurecht Furcht oder Sorgen macht, haben sie uns in Freitagsdemonstrationen gezeigt. Wir Erwachsene stehen in der Pflicht.
Ich finde Kraft, Liebe und Besonnenheit, wie sie uns durch Gottes Geist verheißen wird, können wir gut gebrauchen. Mut und Besonnenheit brauchen wir angesichts der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen.
Beweisen können wir Gottes Geist nicht, aber brauchen können wir ihn auf jeden Fall.
Beweisen können wir Gottes Geist nicht, aber bitten können wir Gott um ihn und vielleicht schenkt er uns Mut, Kraft und Phantasie für das, was jetzt zu tun nötig ist.
Mut machen mir die Jugendlichen und Kinder, die aufstehen und für ihr Recht auf eine gute Zukunft eintreten. Mut machen mir die Erwachsenen, die sich an ihre Seite stellen.
Mut machen mir Menschen, die sagen, sie haben im Gebet oder im Glauben Kraft gefunden für ein aufrechtes Wort oder eine zupackende Tat. Sehen können wir Gottes Geist nicht, aber vielleicht ist er wirksam, wo Menschen sich zusammentun, um gemeinsam für das Leben zu kämpfen. Ich finde in solcher Gemeinschaft von Menschen, die für das Leben eintreten, kann man auch erleben, dass die Furcht weicht.
Bitten will ich an diesem Pfingstfest, dass Gott uns hilft, verantwortlich zu leben und zu handeln für diese und kommende Generationen.

 

Ich wünsche ihnen schöne Feiertage
Ihr Pfarrer Dirk Hahn (Evangelische Kirche Weilstetten)

Sonntag Judika, 7. April 2019

Womit mache ich mir das Leben unnötig schwer, worauf sollte ich besser verzichten? Viele Menschen stellen sich solche Fragen um diese Jahreszeit. Manchem dient die Schlankheitskur einfach dazu, ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden. Für andere hat dies einen religiösen Hintergrund – die christliche Fastenzeit, die an das Leiden und Sterben von Jesus Christus erinnert und vorbereitet auf Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Die evangelische Kirche hat als Motto der diesjährigen Fastenzeit gewählt: „Sieben Wochen ohne Lügen“. Ist das überhaupt eine Fastenaktion – auf Lügen zu verzichten? Diese kritische Frage hörte man immer wieder in den vergangenen Wochen. Andere Formen des Verzichts scheinen vordringlicher zu sein in unserer Zeit.
Mich beeindruckt die Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit, mit der junge Menschen auf die Straße gehen, um zu erreichen, dass es im Klimaschutz endlich zu konkreten und wirkungsvollen Maßnahmen kommt, bevor es zu spät ist. Fasten für den Klimaschutz, sieben Wochen ohne Plastikverpackungen. Solche Aktionen brauchen wir, keine fake news, die den Klimawandel leugnen. Wir brauchen den Mut, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Nur so kann sich etwas verändern. „Sieben Wochen ohne Lügen.“ Da geht es um mehr als die kleine Notlüge an den Gastgeber, dass das Essen geschmeckt hat. Wahrheit ist untrennbar verbunden mit Freiheit und Gerechtigkeit.
„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ So sagt es Jesus Christus in Joh 8,32. Wo die Wahrheit verdreht oder totgeschwiegen wird, ist es auch mit der Freiheit vorbei. Da bleiben früher oder später Menschen auf der Strecke, und die Verlierer sind am Ende wir alle. Das gilt nicht nur für den globalen Klimawandel, sondern auch für so manchen Klimawandel in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine wirkliche Veränderung zum Guten ist nur möglich, wenn ich bei der Wahrheit anfange. Nur wenn ich ehrlich zu mir selber und zu anderen bin, lassen sich Probleme konstruktiv und gemeinschaftlich lösen – im Großen wie im Kleinen. Der Weg der Gewaltlosigkeit beginnt mit der Wahrheit. Mahatma Gandhi, der diesen Weg gegangen ist, setzt die Wahrheit daher an die erste Stelle seiner fünf Vorsätze für den Tag: „Ich will bei der Wahrheit bleiben. Ich will mich keiner Ungerechtigkeit beugen. Ich will frei sein von Furcht. Ich will keine Gewalt anwenden. Ich will in jedem zuerst das Gute sehen.“

Pfarrerin Dr. Dorothee Kommer, Haigerloch

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 27. Januar 2019

Der lange Atem Gottes

Das neue Jahr ist in Gang gekommen. Der Alltag hat uns wieder. Morgens aufstehen, Auto kratzen, los. Same procedure as every day …
Auch für Mose hatte der Tag begonnen wie jeder andere... Das Autokratzen blieb ihm zwar erspart, dafür musste er aber auf eine Schafherde aufpassen mitten in der Steppe. Auch das kann anstrengend werden, zumal wenn man im Hinterkopf immer noch die Sorge um die eigene Familie hat, die unter untragbaren Bedingungen ihr Dasein in Ägypten fristet.
… Aber dann kam alles anders. Ein brennender Dornbusch, der doch nicht verbrennt. Das weckte sein Interesse. Dazu die Stimme: „Mose!“ Ihm war schnell klar: das war nichts Gewöhnliches. Das war Gottes Stimme, besonderes Land, heiliger Boden. Eine Scheu überfiel ihn, er zog seine Schuhe aus und streifte damit den Alltagsstaub ab – die Sorge um die Schafe stellte er für einen Augenblick hintenan und war ganz Ohr.
„Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Schreien gehört“, fuhr die Stimme fort. „Ich will sie aus diesem Land hinaufführen in ein gutes und weites Land. Du aber geh zum Pharao und sag ihm: ‚Lass mein Volk ziehen!‘“ „Waaas???“ Mose traute seinen Ohren nicht. Er? Zum Pharao? Das schien ihm völlig ausgeschlossen. „Wer bist du überhaupt, der du mir solches zutraust?“ „Ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde mit dir sein,“ so antwortete Gott. Ich bin der mit dem langen Atem. Ich bin da gewesen als die Welt entstand, ich bin bei Abraham, bei Jakob und bei Josef gewesen und ich bin bei dir, Mose. Also lauf nicht weg, sondern geh deinen Weg! Und Mose ging – er bestand seine große Aufgabe, freilich auch mit schwierigen Tagen und Stunden des Zweifels, das wissen wir.
Dieser Sonntag ist eine Einladung, uns seiner Geschichte anzuvertrauen. Mit ihm unser Alltägliches für ein paar Stunden zu unterbrechen. Alle Sorge um das, was morgen ansteht, für einen Augenblick loszulassen. Stattdessen: ganz da sein, aufhorchen, angesprochen werden. Wo wir Gott hören, da eröffnet sich uns ein weiter Horizont, bekommen wir Anschluss an einen Atem, der länger ist als der unsere. Das kann befreiend wirken – wie im Falle Mose allerdings auch Herausforderungen mit sich bringen. Aber es bringt die spürbare Gewissheit: Der „ICH-WERDE-SEIN“ geht mit. Er hört mich. Er sieht mich. Mein oft kleingehackter Alltag und meine kurzatmige Sorge stehen in seinem großen Horizont. Das macht den Boden unter meinen Füßen fest und den Blick weit. Hoffnung für die Seele. Gott sei Dank!

Pfarrerin Gudrun Ehmann, Evang. Pfarramt Bisingen II