21. Sonntag nach Trinitatis, 21. Oktober 2018

Jeder ist seines Glückes Schmied. Logisch, denn man kann sich dabei nicht auf die anderen verlassen. Das Glück klopft nicht einfach an die eigene Haustüre. Jeder ist sich selbst der Nächste. Man muss sich anstrengen. Ohne Fleiß kein Preis. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Das Alltagsbild dahinter ist uns nicht mehr so geläufig. Ein Schmied steckt das Werkstück in die rote Glut. Wenn auch das Eisen rotglühend ist, nimmt er es mit einer Zange, legt es auf den Amboss und schlägt mit einem schweren Hammer auf das weich gewordene Eisen, um es in die gewünschte Form zu bringen.

Jeder ist seines Glückes Schmied. Das heißt: Mein Wohl und Wehe sind nicht vom Zufall oder Schicksal abhängig, sondern von meinem Tun und Lassen. Deshalb muss man das Glück schmieden. Also: draufhauen und ranklotzen. Damit wird der Mensch zum Top-Manager des eigenen Glücks. Jeder ist sein eigenes Planungsbüro für ein perfektes Leben. Davon hängt nun wirklich alles ab. Und Vieles klappt dann ja auch. Darauf darf man stolz sein.

Aber was ist, wenn ich das nicht schaffe? Wenn das Eisen zu hart ist? Wenn das Glück wie ein Schmetterling ist und schon längst weitergeflogen ist? Jeder ist seines Glückes Schmied – das kann eine unbarmherzige Lebensaufgabe sein. Was ist, wenn ich als Manager des eigenen Lebens erfolglos bin? Was, wenn ich in einer Krise bin, das Pech an meinen Füßen klebt? Wenn ich mich schlecht präsentiere? Wenn ich nicht genügend Likes habe? Wenn ich beim Haschen nach dem flatterhaften Glück viele schöne Blumen am Wegrand übersehe?

Jeder ist seines Glückes Schmied. Für die Reichen, die Schönen, die Sportlichen, die Erfolgreichen ist dies eine nachträgliche Bestätigung ihres Erfolgs. Für die Verlierer unserer Gesellschaft ist dies eine hoffnungslose Überforderung. Für die Kranken, für die in ihrer Beziehung Gescheiterten, für die Minijobber, für die Abhängigen, für alle am Rande der Gesellschaft ist dies ein weiterer Schlag: Hättest du dich angestrengt, wäre etwas aus dir geworden.

Ich finde: Das Sprichwort vom Schmieden des eigenen Glücks hat mit dem christlichen Glauben wenig zu tun. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat, sagt Jesus in der Bergpredigt. Packen wir nicht noch etwas drauf! Vor allem: Lasten wir den anderen nicht noch mehr drauf. Wir brauchen dem Glück nicht wie einem Schmetterling hinterherjagen. Wir brauchen nicht draufhauen und ranklotzen, damit sich das Glück in die richtige Richtung biegt. Der christliche Glaube bietet uns eine große Gelassenheit an. Eine Gelassenheit, die sich im Gottvertrauen gründet. Sorgt nicht, sondern trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Schaut auf die Blumen auf dem Felde. Orientiert euch an den Vögeln am Himmel. Nehmt das Leben als Geschenk. Vertraut auf Gott und vergesst nicht den Mitmenschen in eurer Nähe. Das ins Spiel versunkene Kind zeigt uns mehr vom Glück als der Rastlose auf der Suche nach dem ultimativen Kick.

In diesem Sinne: Viel Glück und viel Segen!
Herbert Würth, Pfarrer in Hechingen