Gedanken zum Sonntag 2017

Weihnachten 2017

Es kam nichts rüber
„Da kam nix rüber“, heißt es nach einem langatmigen Vortrag, nach einer mäßigen Schulstunde. Stattdessen: „Da müsste doch was zünden!“ - „Da kommt nix rüber“ hat man manchmal den Eindruck, wenn es um Kirche und um den Glauben geht. „Es müsste doch ein Funke rüberspringen!“
Besonders in Krisenzeiten haben wir den Eindruck, dass nichts rüberkommt, dass der Himmel wie verriegelt und vernagelt zu sein scheint. „Lieber Gott, hörst du mich?“ rufen wir dann. Oder wir fragen resigniert: „Ist da überhaupt jemand?“

Die frohe Botschaft von Weihnachten lautet: Gott kommt. Er sitzt nicht unbeweglich wie ein Buddha auf seiner Wolke. Gott guckt nicht von weitem wie ein Uhrmacher auf die Welt, ob die noch einigermaßen tickt. Gott kommt. Und er öffnet nicht nur ein paar Türchen wie beim Adventskalender. Auf die Adventsbitte „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ macht er die Himmelspforten ganz weit auf. Auf den Eindruck, aus dem Paradies vertrieben zu sein, gewährt uns Gott einen Blick in seine Welt. Ja, wir erkennen an Weihnachten, wie Gott ist.

Die Tür ist offen. Und aus der schickt Gott nicht nur ein paar Boten aus seiner himmlischen Welt. Er kommt selber. Gott kommt zur Welt, hinein in menschliches Elend, hinein in tiefstes Leid. Er kommt anders als wir uns das vorstellen. Nicht wie ein Superheld, der mit Gewalt und Waffen das Böse einfach wegballert. Sondern als hilfloses Baby; das Erkennungszeichen an die Hirten waren Windeln, und die sind naturgemäß nicht immer sauber. So tief kommt Gott herab.

An Weihnachten kommt was rüber. Nicht nur volle Kirchen, berührende Krippen-spiele und ergreifende Weihnachtslieder. Sondern Gott selber kommt rüber. Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradies. Kein Wächter steht mehr davor; Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Herbert Würth
(Pfarrer in Hechingen)

 

 

1. Sonntag im Advent, 3. Dezember 2017

Nun beginnt die Adventszeit. Wie jedes Jahr scheint sie einfach vor der Tür zu stehen. Eigenartig, denke ich, seit September laufen mir Weihnachtsmänner und Lebkuchenherzen über den Weg. Ja und ich muss zugeben vor 2 Wochen habe ich bereits meinen ersten Stollen gegessen. So vor der Zeit schmeckt er fast am besten. Genauso habe ich Anfang November mal in die Adventskisten hineingeschaut, was ich in diesem Jahr aufstellen möchte. Da meldete sich eine innere Stimme: „Willst du das wirklich jetzt schon? Das ist fast wie Weihnachten durch das Schlüsselloch schauen, weil es als Kind bis Weihnachten kaum auszuhalten ist.“ Ja, warten ist gar nicht so einfach. Vor allem in unserer schnellen Zeit, wo ich mir per Knopfdruck auf der Tastatur all das bestellen kann, was mein Herz sich wünscht. Aber halt, kann ich das wirklich, mir meine Herzenswünsche erfüllen? Natürlich nicht. Da muss ich schon mal geduldig sein. Nun, was sind denn eigentlich die Wünsche meines Herzens? Weiß ich das so genau? Um ihnen auf die Spur zu kommen, dazu könnte mir die Adventszeit dienen. Advent bedeutet Ankunft. Wir feiern im Advent die Freude darüber, dass Gott bei uns Menschen ankommen möchte. Er ist vor 2000 Jahren als Mensch in Jesus Christus auf diese Erde gekommen um mit uns zu sein. Immer neu berichtet die Bibel davon, dass dort wo Gott ist, die Welt heller, freundlicher und zuversichtlicher wird. Für mich ist das zu spüren, wenn Menschen einander mitfühlend und wertschätzend begegnen, wenn sie sich Zeit füreinander nehmen, wenn sie sich helfen und füreinander sorgen, wenn sie erzählen, was sie bewegt, wovon sie träumen und das ohne sich zu bewerten oder gar zu verurteilen. Manchmal wünschte ich, Christus würde kommen und endlich allem Unfrieden in der Welt ein Ende setzen, einfach so. Aber schon damals hat Gott einen anderen Weg gewählt, den Weg der Liebe. Und dieser Weg braucht einen langen Atem und Geduld. Aber damit hat er einen Traum in die Herzen der Menschen gepflanzt, der immer neu mit Leben gefüllt werden möchte. Und das geht nicht auf Knopfdruck. In den kommenden Wochen des Advents bekommen wir Zeit geschenkt, einen Traum, der in uns ist zu leben. Wir bekommen Zeit geschenkt, der Liebe Raum zu geben und damit Gott in uns und der Welt ankommen zu lassen.

Pfarrerin Nicole Gneiting

 

 

Reformationstag, 31. Oktober 2017

Mutig bekennen

„Es ist alles besser nachgelassen denn das Wort. Und ist nichts besser getrieben denn das Wort“, sagt Martin Luther.
Damit soll nicht ausgeschlossen sein, dass Christen viel tun. Der Glaube soll und wird auch Früchte bringen. Aber geholfen wird der Welt nicht durch das, was wir tun, sondern durch das, was Gott tut und redet. Gottes Herrschaft soll ausgerufen und durch das Wort realisiert werden. Die Jünger predigen im Auftrag Christi. Was sie auf die Straßen Palästinas und später in alle Welt treibt, ist nicht ihr eigenes Mitteilungsbedürfnis.
Predigen wird oft missverstanden als Selbstdarstellung eines religiösen Menschen. Für eine religiöse Selbstdarstellung aber braucht man keinen Auftrag und keinen sendenden Herrn. Soll das Wort Gottes an uns ergehen, so braucht es hier die hörende Gemeinde und dort den Herrn, der sein Wort auf den Plan schickt durch die Botschafter an seiner statt.
Was die Kirche predigt hat sie von Christus. Sie hört auf keine andere Stimme, auch nicht auf die eigene in der Tiefe des Herzens. Gott hat sich uns in der Menschwerdung seines Sohnes offenbart.
Hier ist der Ort in der Geschichte, von dem her der Glaube empfängt, wovon er lebt und an den er immer wieder zurückkehrt. Deshalb muss alles Predigen bei Christus seinen Ursprung haben. Hier ist die Quelle, nirgends sonst.
Es ist Christi eigenes Wort. Nicht nur so, dass wir weitersagen, was wir bei ihm gelernt haben, sondern so, dass er selbst durch uns spricht. Christus sucht im Wort mit uns Verbindung, stellt im Wort mit uns Gemeinschaft her, spricht uns an, sucht Kontakt mit uns. In der Predigt geschieht darum nach Luthers berühmtem Wort nichts anderes, als dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir dann wieder mit ihm reden in Gebet und Lobgesang.
Und wir stehen unter Gottes Schutz. Niemand soll meinen, er gehe in eine unbekannte und unheimliche Welt hinaus. Gott sieht uns, er begleitet und beschützt uns. Nun ist es aufschlussreich, wie sich Gottvertrauen und Gottesfurcht aufs engste miteinander verbinden. Menschenfurcht wird durch Gottessfurcht überwunden. Das kann man an Martin Luther, unserem großen Reformator, demonstrieren. Sein Mut war kein natürliches Heldentum. Er konnte sehr zaghaft sein, wohl nicht nur deshalb, weil ihm das im Kloster so anerzogen war. Das Geheimnis seiner Furchtlosigkeit war, er hatte Gott über alle Dinge fürchten gelernt. Er nahm Gott ernst. Wichtiger als Bestand und Verlauf seines äußeren Lebens war für ihn, wie es mit ihm vor Gott bestellt sei, der uns retten, aber auch zugrunde gehen lassen kann.
Nicht das ist christlicher Glaube, dass man die Rede von Gottes Zorn als Falschmeldung erkennt, sondern dass man sich vom zornigen Gott zum gnädigen Gott flüchtet.
Wir leben wahrscheinlich nur deshalb zumeist so unerschüttert, weil der Zorn Gottes uns normalerweise nicht erfahrbar ist.
Geschieht das aber, dann sind wir wohl erschüttert. Wir gewinnen aber zugleich eine ganz neue Fertigkeit. Luther in Worms vor Kaiser und Reich: „So bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“
Es wirkt befreiend, wenn man sich so unmittelbar gebunden und gefordert weiß.
Christus will, dass wir ihn vor den Menschen bekennen, nicht dass wir uns scheuen und schämen. Und er will sich vor dem himmlischen Vater zu uns bekennen. Der, dem das Gericht gegeben ist, wird zugleich Richter und Anwalt sein. Für irdische Verhältnisse geradezu unvorstellbar: Auf dem Höhepunkt der Hauptverhandlung im Gerichtssaal verlässt der vorsitzende Richter seinen Platz, geht durch den Raum zum Platz des Angeklagten und erklärt: Dessen Sache ist erledigt. Er ist mein Freund. Ich stehe für ihn ein und hafte für ihn. Unvorstellbar, aber: Wir haben einen Fürsprecher beim himmlischen Vater – Jesus Christus. Es ist wirklich kein Grund, sich zu fürchten.

Dekan Beatus Widmann, Balingen

 

 

13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2017

„Die lieben Verwandten“

Ich liebe sie, meine lieben Verwandten. Die ferneren und die näheren, die allzu normalen und die etwas wunderlichen. Aber nach dem einen oder anderen Treffen brauche ich erst einmal ein gutes Glas Rotwein, wenn ich nach Hause komme…
Im Markus-Evangelium ist eine eindrückliche Szene überliefert: Jesus wird von zahllosen Menschen bestürmt; sie wollen ihn hören. Mehr noch: geheilt werden möchten sie von ihm. Als Jesu Verwandtschaft das mitbekommt, es sind in diesem Fall wohl vor allem seine Mutter und seine Brüder gemeint, glauben sie, er sei „von Sinnen“. Durchgeknallt, vom Gleis abgekommen, neben der Spur – so würden sie vielleicht heute sagen. Jedenfalls: Irgendetwas stimmt mit diesem Jesus nicht, meinen ausgerechnet seine Angehörigen.
Nun, „normal“ war es damals nicht, und heute wäre es das genauso wenig, wenn einer aus meiner Familie daherkommt und sagt: „Ich bin von Gott gesandt. Vom Reich Gottes muss ich erzählen und Menschen heilen.“ Was für ein Anspruch! Kleiner geht’s nicht?
Nein, manchmal braucht es große Worte und große Taten. Sonst blieben wir wohl immer im Alltags-Kleinklein gefangen. Und doch: Wundern muss man sich manchmal schon. Über die anderen. Über sich selbst. Und ganz gewiss auch über die „lieben Verwandten“.
Gewundert haben sie sich damals über diesen jungen Mann namens Jesus, der schon in frühen Jahren seinen Beruf als Zimmermann an den Nagel hängte. Jetzt war er ein Gottesmann, ja dessen Sohn sogar. Da hat einer seine wahre Berufung gefunden.
Das gibt es auch heute noch, wenn auch vielleicht zwei Nummern kleiner: Einer ist sein Berufsleben lang Pfarrer. Doch in seinem Ruhestand, da wird er Buchhändler mit Leib und Seele. Eine andere ist eigentlich gelernte Erzieherin. Doch im Lauf der Jahre macht sie ihr Hobby zum Beruf und wird eine leidenschaftliche Sängerin.
Die eigene Berufung finden oder, wie es in einem aktuellen Bestseller heißt, „Das passende Leben“ (Remo H. Largo). Wo ich mit meinen Gaben und Fähigkeiten, meinen Stärken und Schwächen einfach „passe“. Das wäre doch was!
Was es dazu braucht? Neugier und Wagemut. Und ein bisschen Glück.
Einen gesegneten Sonntag Ihnen!

Pfarrer Ingo-Ch. Bauer, Zillhausen-Streichen

1. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juni 2017

Gott mehr gehorchen als den Menschen
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) So lautet der Monatsspruch für den Monat Juni. Ein einfacher Satz, eine klare Ansage. Wenigstens auf den ersten Blick. Aber ist das wirklich so einfach? Letztendlich steckt ja auch viel Veränderungs- und Widerstandspotenzial in diesem „Gott mehr gehorchen als den Menschen“.
Der Apostel Petrus hat diesen Satz gesprochen. Er hat sich auf die Freiheit der Verkündigung gegenüber der Obrigkeit berufen. Petrus, Paulus und viele andere sind bei der Obrigkeit angeeckt. Deshalb hat man sie ins Gefängnis geworfen worden. Sie sollten so daran gehindert werden, Jesu Leben und Taten zu bezeugen und sich zu ihm zu bekennen. Entschieden und überzeugt haben sie sich zu Jesus Christus bekannt. Sie haben davon erzählt, dass Jesu Botschaft frei macht von Abhängigkeiten und Nöten. Sie stellten ihr Bekenntnis zu Jesu freimachender Botschaft über alle anderen Machtansprüche. Das haben sie öffentlich als ihren Glauben bekannt, der ihnen Kraft gibt. Und das hatte gesellschaftspolitische Konsequenzen. Wie das eben so ist, wenn jemand Fragen an ein bestehendes System stellt, fühlen sich die Vertreter der Machtelite meistens bedroht, anstatt sich mit den Fragen und Herausforderungen ernsthaft auseinander zu setzen.
Was heißt das heute? Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen und das Wort zu erheben, wenn das Wort von Menschen über das Wort Gottes gestellt wird. Wenn der Egoismus Einzelner etwas über das Wohl aller gestellt wird. Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Überzeugung ausgegrenzt werden. Wenn Rechtspopulisten das Wohl des eigenen Volkes über das Wohl der Völkergemeinschaft stellen. Wenn pseudoreligiöse Floskeln für Terror, Extremismus oder der Verherrlichung von Gewalt genutzt werde –  in welcher Religion auch immer.
Die Botschaft der Bibel ist klar: Alle Menschen sind Gottes Ebenbilder. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So ist das in unser Grundgesetz eingegangen.
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Der Satz ermutigt uns, in jeder Situation des menschlichen Zusammenlebens immer wieder neu in uns hinein zu horchen. Das ist der Prüfstein für alles Beziehungsgeschehen. Wir sind aufgerufen, achtsam mit unserer wunderbaren Schöpfung umzugehen, respektvoll mit anderen Menschen und solidarisch mit allen Menschen in Not. Das ist wichtiger als das Festhalten an alten Denkmustern und Strukturen. Das ermöglicht uns immer wieder das Aufbrechen von festgefahrenen Strukturen.

Bernd Mayer, Pfarrer an der Pauluskirche in Tailfingen

Christi Himmelfahrt, 25. Mai 2017

Angesehen
„Du siehst mich“ – unter diesem Motto versammeln sich in diesen Tagen um Himmelfahrt über 100.000 Menschen in der Metropole Berlin zum Deutschen Evangelischen Kirchentag. Wer sieht hier wen? Unter den vielen Besucherinnen und Besuchern wird es manchmal schwierig sein, den Einzelnen in der Masse überhaupt zu erblicken…
Und doch: Genau das soll passieren. Jemanden anschauen, angeschaut werden, einander wahrnehmen. Damit beginnt Kommunikation. Ich bleibe nicht allein. Ich bleibe nicht bei mir. Sondern lasse mich auf den Anderen ein. Auch wenn er so ganz anders ist als ich.
Dafür ist der Kirchentag seit Jahrzehnten ein hervorragendes Übungsfeld. Denn kaum einmal sonst präsentiert sich Kirche so vielfältig und offen wie hier. Da ist dann auch manch Schräges und Abseitiges dabei – was soll’s, die Schafe des Herrn sind schwarz und weiß, viele grau und manche eben einfach quietschbunt.
2017 steht der Kirchentag im Zeichen des großen Reformationsjubiläums: 500 Jahre Thesenanschlag Martin Luthers. Unter den vielen Feierlichkeiten sind die Tage in Berlin und Wittenberg einer der Höhepunkte. Wittenberg? Wo damals alles begann, endet diesmal alles. Ja, der Kirchentag findet dreieinhalb Tage lang in Berlin statt, nur das Ende, der Abschlussgottesdienst, ist auf den Wittenberger Elbwiesen, mit Blick auf Schloss- und Stadtkirche.
Ein großes Festwochenende, dazu eine „Weltausstellung Reformation“, Konfi- und JugendCamps – für alle und jeden wird etwas geboten. Doch über allem die Überschrift „Du siehst mich“. Damit sind in erster Linie freilich nicht die Besucherinnen und Besucher gemeint, die sich gegenseitig anschauen. Sondern vielmehr Gott, der uns ins Gesicht sieht. Und in die Seele. Unser Innerstes gehört nur uns – und Gott. Niemand sonst hat auf unsere Seele Zugriff. Und das ist gut so. Wir sind und bleiben freie Menschen, getragen und gehalten von dem Urgrund, der uns geschaffen hat.
Kirchentage und Jubiläen gehen vorüber. Auch die von 2017 werden bald nur noch Erinnerung sein. Was bleibt sind Menschen, die in der Gegenwart leben. Die Vergangenheit prägt uns, die Zukunft lädt uns ein zum Gestalten. Angesehene, von Gott angesehene tun das mit Vertrauen und Mut. Eine wahrhaft reformatorische Haltung!

Pfarrer Ingo-Ch. Bauer, Zillhausen-Streichen

Karfreitag, 14. April 2017

„… denn sie wissen nicht, was sie tun“

Zu Unrecht hängt er am Kreuz. Trotzdem bittet er Gott nicht um Rache. Er bittet nicht um Gottes gerechtes Gericht an seinen Feinden. Das wäre verständlich gewesen. Aber Jesus will nicht vergelten, sondern vergeben. Er will nicht nur seinen Freunden den Weg zu Gott öffnen, sondern auch und gerade seinen Feinden. Denen, die ihn foltern und quälen. Denen, die ihn herablassend verspotten, soll seine Hilfe zuteilwerden.
Jesus bittet Gott, seinen Vater: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Natürlich wissen sie es nicht, wer es in Wahrheit ist, den sie da ans Kreuz schlagen und über den sie lästern. Obwohl das auf einem Schild darüber zu lesen ist: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Obwohl sie in ihrem Spott sagen: Bist du der Christus, der Messias, dann hilf dir doch selbst!
Für die Soldaten ist ihr Tun grausame Routine. Die Oberen des jüdischen Volkes sind erleichtert: Sie sind überzeugt, dass sie das Volk von einem Verführer und Gotteslästerer befreit haben. Dass Jesus am Kreuz hängt, ist für sie der endgültige Beweis dafür, dass er nicht der Messias war. Sein Tod widerlegt für sie alle Ansprüche, die er bei Lebzeiten erhob.
Und doch: Sie alle wussten wirklich nicht, was sie taten. Sie wussten nicht, dass sie sich damit an Gott selbst vergriffen. Sie erkannten nicht ihre Schuld, die nicht nur für Jesus, sondern auch für sie selbst tödlich war. Sie kennen nicht das Ausmaß der Katastrophe, in der sie sich befinden: Ihnen droht Gottes Gericht.
Jesus bittet bei Gott um Vergebung. Er plädiert nicht für mildernde Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit. Jesus stellt sie nicht unter Gottes Gericht, sondern unter seine Geduld. Ob sie diesen Raum zu Umkehr genutzt haben?
Aber wir, wir müssten es besser wissen. Wir wissen, wer da am Kreuz hing. Wir wissen, wofür er sterben musste. Wir müssten wissen, was wir tun. Und doch: Wir wissen es oft nicht oder wollen es nicht wahrhaben, wie tödlich die Sünde auch für uns ist.
Das erkennen wir erst am Kreuz. Dort entlarvt Jesu Liebe mein schäbiges Verhalten. Sein Tod deckt meine Sünde als meine Not auf, an der ich zugrunde gehe. Deshalb tritt er für mich ein. Für meine wissentliche und unwissentliche Schuld. Für meine Gleichgültigkeit und Selbstgerechtigkeit. Deshalb bittet er für mich: „Vater, vergib ihnen, denn auch er weiß nicht, was er tut; auch sie weiß nicht, was sie tut“.

Pfr. Dr. Johannes Zimmermann
Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Endingen

Sonntag Lätare, 26. März 2017

Spannende Begegnung
Am bekannten Jakobsbrunnen kommt es zu einer spannenden Begegnung, etwas außerhalb von Sychar. Eine Frau mit zweifelhaftem Ruf und der umstrittene Wanderprediger aus Nazareth treffen aufeinander, ausgerechnet in der heißen Mittagszeit, wo anständige Menschen sich in die Kühle des Hauses zurückziehen.

Anknüpfungspunkt fürs Gespräch ist – wie könnte es anders sein – das Wasser. Der Fremde bittet die Frau, ihm Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Ein erster Tabu¬bruch. Denn Menschen aus Galiläa und Menschen aus Samarien pflegen keinen Umgang miteinander. „Wenn sie wüsste, wer er sei“, so fügt der Wanderprediger geheimnisvoll hinzu, „dann würde sie ihn bitten, ihr Wasser zu geben.“

Ein erstes Missverständnis ist vorprogrammiert. „Ob er denn größer sei als der große Stammvater Jakob?“ fragt sie ihn. Das wäre doch ganz bequem, dann könnte man sich den Weg zum Wasserholen sparen. Erst im Laufe des Gesprächs wird ihr klar, dass der Fremde etwas anderes meint als das kühle Nass aus dem Brunnen. Und sie ahnt, dass hinter diesem Mann mehr stecken könnte. Sie vermutet, er könn¬te ein Prophet sein. Er scheint sie und ihren ungestillten Lebensdurst zu durch¬schauen. Er könnte auch auf die ungelöste Frage, wo der rechte Ort der Anbetung sein, die richtige Antwort wissen. Aber der Fremde beantwortet die Frage nach der richtigen Konfession, dem richtigen Gottesdienstort nicht. Er verweist auf die Zeit, in der solche Grenzen überflüssig sind, weil die Menschen zu Gott ohne Opfer im Geist und in der Wahrheit beten. „Könnte dieser Fremde der Messias sein, der Gesalbte Gottes, der Christus?“ fragt sich die Frau.

Mittlerweile sind die Jünger Jesu aus der Stadt zurück und runzeln die Stirn, wie sie ihren Meister im vertrauten Gespräch mit einer samaritanischen Frau sehen. Die lässt ihren Krug stehen, geht in die Stadt und erzählt von ihrer ungewöhnlichen Be¬gegnung. In den folgenden zwei Tagen hören immer mehr Menschen aus der Stadt von Jesus und bekennen zum Schluss: „Dieser ist wahrlich der Retter der Welt.“

Eine spannende Begegnung aus dem Johannesevangelium. Spannend, wie Jesus auf die tiefe Sehnsucht der Menschen eingeht, auf den Durst nach Leben, nach Anerkennung, nach geglückter Gemeinschaft. Spannend zu sehen, wie sich die Frau schrittweise vortastet, wer denn dieser Jesus aus Nazareth sein könnte.

Ich wünsche uns heilsame Begegnungen, in denen wir einander nichts vormachen müssen. Ich wünsche uns eine Auseinandersetzung mit diesem Jesus, in der wir uns ihm in seinen verschiedenen Facetten annähern. Ich wünsche, dass wir in den unterschiedlichen Kirchen Gott anbeten können, ohne uns ständig von anderen abgrenzen zu müssen. Ich wünsche uns vor allem, dass wir spüren, wie der Durst auf Leben gestillt werden kann.

Herbert Würth
(Pfarrer in Hechingen)