Der lange Atem Gottes

Das neue Jahr ist in Gang gekommen. Der Alltag hat uns wieder. Morgens aufstehen, Auto kratzen, los. Same procedure as every day …
Auch für Mose hatte der Tag begonnen wie jeder andere... Das Autokratzen blieb ihm zwar erspart, dafür musste er aber auf eine Schafherde aufpassen mitten in der Steppe. Auch das kann anstrengend werden, zumal wenn man im Hinterkopf immer noch die Sorge um die eigene Familie hat, die unter untragbaren Bedingungen ihr Dasein in Ägypten fristet.
… Aber dann kam alles anders. Ein brennender Dornbusch, der doch nicht verbrennt. Das weckte sein Interesse. Dazu die Stimme: „Mose!“ Ihm war schnell klar: das war nichts Gewöhnliches. Das war Gottes Stimme, besonderes Land, heiliger Boden. Eine Scheu überfiel ihn, er zog seine Schuhe aus und streifte damit den Alltagsstaub ab – die Sorge um die Schafe stellte er für einen Augenblick hintenan und war ganz Ohr.
„Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Schreien gehört“, fuhr die Stimme fort. „Ich will sie aus diesem Land hinaufführen in ein gutes und weites Land. Du aber geh zum Pharao und sag ihm: ‚Lass mein Volk ziehen!‘“ „Waaas???“ Mose traute seinen Ohren nicht. Er? Zum Pharao? Das schien ihm völlig ausgeschlossen. „Wer bist du überhaupt, der du mir solches zutraust?“ „Ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde mit dir sein,“ so antwortete Gott. Ich bin der mit dem langen Atem. Ich bin da gewesen als die Welt entstand, ich bin bei Abraham, bei Jakob und bei Josef gewesen und ich bin bei dir, Mose. Also lauf nicht weg, sondern geh deinen Weg! Und Mose ging – er bestand seine große Aufgabe, freilich auch mit schwierigen Tagen und Stunden des Zweifels, das wissen wir.
Dieser Sonntag ist eine Einladung, uns seiner Geschichte anzuvertrauen. Mit ihm unser Alltägliches für ein paar Stunden zu unterbrechen. Alle Sorge um das, was morgen ansteht, für einen Augenblick loszulassen. Stattdessen: ganz da sein, aufhorchen, angesprochen werden. Wo wir Gott hören, da eröffnet sich uns ein weiter Horizont, bekommen wir Anschluss an einen Atem, der länger ist als der unsere. Das kann befreiend wirken – wie im Falle Mose allerdings auch Herausforderungen mit sich bringen. Aber es bringt die spürbare Gewissheit: Der „ICH-WERDE-SEIN“ geht mit. Er hört mich. Er sieht mich. Mein oft kleingehackter Alltag und meine kurzatmige Sorge stehen in seinem großen Horizont. Das macht den Boden unter meinen Füßen fest und den Blick weit. Hoffnung für die Seele. Gott sei Dank!

Pfarrerin Gudrun Ehmann, Evang. Pfarramt Bisingen II