Predigt zum "Sabbat" von Codekanin Dorothee Sauer

Liebe Schwestern und Brüder,
Schenk uns Zeit – Zeit zum Nehmen, Zeit zum Geben, Zeit zum miteinander leben.
Dieses Lied drückt etwas vom Lebensgefühl unserer Zeit aus, etwas von meinem Lebensgefühl, vielleicht auch etwas von Ihrem. Ich hätte gerne mehr Zeit.

Sehnsucht nach der Auszeit
Zeit um zu ---- ja, um was? Da wird wohl jede und jeder etwas anderes eintragen. Mancher hätte gerne mehr Zeit sich wirklich einmal mit einer Sache zu beschäftigen und nicht sich zu verzetteln im Vielerlei der Dinge. Ein anderer sehnt sich nach Ruhe, nach Stille, nach Muße, um der Kreativität mehr Raum zu geben, um aufzutanken, um Menschen wieder wirklich echt und authentisch zu begegnen. Und noch ein dritter sehnt sich nach…. überlegen Sie selbst.

Problemlösungsversuch der Welt und der Bibel
Die Literatur- und Lifestylemagazine unserer Tage halten hierfür viele Ratgeber und Tipps bereit, um dem Stress zu entkommen. „Raus aus dem Hamsterrad“ steht da oder „Hilfen zum „Downgrading“ oder „machen Sie mal etwas ganz anderes“. Was da zu lesen ist, ist die Gegenbewegung zu unserer aktuellen Gesellschaft, die über lange Zeit nicht anerkennen wollte und es zum Großteil immer noch nicht anerkennen will, dass das Leben Grenzen hat. Zeit und Ressourcen sind begrenzt. Wachstum und Selbstoptimierung gehen nicht bis ins Unendliche. Viele Jugendliche haben es begriffen. Mit den Fridays for Future lassen sie nicht locker. Auch die Ressourcen der Natur sind begrenzt. Unsere Gesellschaft, in der jeder immer erreichbar ist, immer am Drücker, immer am Puls, hat sich selbst um die Ruhe gebracht. Sie hat Ruhe und Auszeit für die Leistung geopfert und mancher ist inzwischen verzweifelt dabei, beides wiederzugewinnen.

Gott hatte es von Anfang kommen sehen und sowieso auch ganz anders geplant. Er hat es so eingerichtet, dass jeder 7. Tag ein Ruhetag ist: „Gedenke des Sabbatages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tag. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.“ (EX 20, 8ff)

Der 7. Tag - ein Tag der Unterbrechung, des sich Unterbrechen-Lassens, ein Tag der Selbstbegrenzung, ein Tag des Herrn. Das hat auch unsere Gesellschaft inzwischen entdeckt, es gibt Sabbaticals von der Arbeit (man achte auf das Wort), Auszeiten und Empfehlungen für den Sonntag, den wir Christen ja anstelle des jüdischen Sabbats als Ruhetag halten. Smartphone-detoxing wird da empfohlen. Entgiftung vom Smartphone-Gebrauch: Eine Stunde nach dem Aufwachen nicht ins Handy schauen. Oder: Den Sonntag zur Erholung nutzen und dazu, die Woche optimal zu organisieren und vorzubereiten. Die Zeitung „Welt“ schreibt in ihrer online-Ausgabe dazu: „Dabei kann ein Planer helfen, in welchem nicht nur die To-dos festgehalten werden, sondern auch Fitness- und Ernährungspläne für die kommende Woche sowie allgemeine Ziele für ein besseres Wohlbefinden.“ 

Und zack –schon sind wir wieder mittendrin in der Stress- und Selbstoptimierungsspirale. Denn genau das ist der Sonntag, der Ruhetag, der Sabbattag nicht. Er ist kein Planungstag zur Optimierung der Woche. Er ist kein „um-zu-Tag“ – Ausruhen, um noch mehr arbeiten zu können. Ausruhen, um noch leistungsfähiger zu sein. All das ist der Sabbat nicht. Es ist ein Tag, dem Herrn deinem Gott geweiht. Ein Tag für Gott, ein Tag des Sich-Ausrichtens auf Gott.

Ganz schön viel verlangt. In einer Gesellschaft, die ständig tickt und läuft und summt und brummt, wird das Ausruhen und Aufhören zur Aufgabe. Es geschieht nicht mehr von selbst. Aktives Aufhören muss man üben. Stoppen und Innehalten, die Richtung wechseln, Hören statt Reden, absichtslos Ruhen, Raum für den Heiligen Geist lassen, Freiraum, unverzweckte Zeit.

Arten von Sabbatzeiten
Eigentlich gibt es viele solcher Auszeiten, verschiedene Arten von Sabbat, von Innehalten in unserem Leben. Ruhen von der Jahresarbeit. Das ist der Jahresurlaub. Sich einmal ganz herausnehmen für ein paar Wochen. Es gibt das Ruhen von der Tagesarbeit, den Feierabend. Was für ein schönes Wort: Feierabend, Feiern, dass die Arbeit endet, dass Zeit ist für etwas anderes, Zeit zurückzublicken auf den Tag, zu feiern, was geschafft wurde, zu feiern, jetzt Zeit zu haben für die Menschen, mit denen ich lebe.
Es gibt das Ruhen von der Lebensarbeit, den Ruhestand. Auch das ist ein Innehalten, ein Zurückblicken und vielleicht Bilanzieren, dankbar werden für alles, was gelungen ist, für alles, was man hoffentlich an Gutem und Positivem erlebt hat, woran man gewachsen ist. Und es ist eine Zeit, sich neu auszurichten auf Gott, auf das, was kommt, auf das, was jetzt dran ist.

Der Sinn des Sabbats (AT und NT)
Der Sabbat ist eine der revolutionärsten „Erfindungen“ des jüdischen Glaubens. Wer sich im Studium damit beschäftigt hat, wird wissen, dass er in der orientalischen Welt der damaligen Zeit einzigartig war. Und er diente auch ganz klar als Unterschei¬dungs¬merkmal zwischen den Völkern und Israel: „Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage den Israeliten: Haltet meine Sabbate, denn das ist ein Zeichen zwischen mir und euch von Geschlecht zu Geschlecht, damit ihr erkennt, dass ich der HERR bin, der euch heiligt.“ (Ex 31,12-13) Der Sabbat ein Zeichen zwischen Gott und seinen Kindern. Auch Jesus hat den Sabbat gehalten und ihn stärker profiliert. Wir hören ihn in der Erzählung vom Ährenraufen am Sabbat sagen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27) Jesus macht deutlich: Der Sabbat ist ein Angebot Gottes an dich, ein Freiraum, geschenkte Zeit für dich, um dich auf Gott und deinen Glauben zu besinnen, Vertrauen einzuüben, Kraft aus den Quellen Gottes zu schöpfen. 

Den Sabbat wiedergewinnen
Liebe Schwestern und Brüder, warum fällt es uns so schwer, uns unterbrechen zu lassen? Warum fällt es uns so schwer loszulassen, aufzuhören, uns zu begrenzen? Ist es unsere schwäbische Schaffer-Mentalität? Ist es die Lust am Gestalten, die keine Ruhezeit kennt? Ist es das Leiden daran, dass wir viel mehr Ideen haben als wir umsetzen können? Ist es schlicht einfach viel zu viel Arbeit, die jeden Tag wartet? Oder ist es ein subtiler Unglaube, dass wir tun müssten, was Gottes Werk ist?

Was könnte uns helfen, den Sabbat wiederzugewinnen? Und damit das absichtslose Ruhen, die Stille, den Freiraum, die Ausrichtung auf Gott und das Einüben in tiefes Vertrauen zu ihm.
-Vielleicht bräuchten wir mehr Glauben, tieferen Glauben, Vertrauen, dass Gott uns die Einrichtung des Sabbats, des Sonntags nicht umsonst gegeben hat, sondern dass er einen Sinn in seinem Heilsplan hat. In ihm will er wirken durch seinen Geist. In ihm will er uns Weisung geben, Angst nehmen, Geborgenheit schenken, uns Atemholen lassen. Wenn er das nicht kann, weil wir ihm dafür keinen Raum geben, dann wird unsere Zeit und auch unser Leben immer ärmer werden und unsere Kraft als Christen in der Welt geringer.
-Vielleicht ermutigt es uns, wenn wir mit dem Aufhören und Unterbrechen, nicht alleine dastehen gegen die scheinbar so potente, leistungsstarke Welt, die keine Gnade kennt. Es könnte uns guttun, wenn viele unter uns Christen diese alte Haltung wieder neu einüben. Wir optimieren nicht den Sonntag und pimpen unsere Angebote als Kirchen nicht auf, sondern wir geben den Menschen Orte der Stille und des Freiraums, weil wir glauben, dass sie und auch wir diese Orte brauchen. Wir halten bewusst den Himmel offen für Gott, weil wir glauben, dass Gott wirkt, zu unserem und der Menschen Heil. Und werden dadurch wieder unterscheidbar von den anderen, weil der Sabbat, der Sonntag ein Zeichen ist zwischen uns und Gott.
- Wir werden wieder demütiger, weil wir wissen, dass das Leben endlich ist. Es gibt kein Leben jenseits der uns gesteckten Grenzen, das wir selbst schaffen könnten. Das kann nur Gott. Unsere Aufgabe ist innerhalb der Grenzen die Möglichkeiten zu nutzen. Das, was uns nicht gelingt, wird Gott zurechtbringen. Er macht es vollkommen.
- Wir vertrauen darauf, dass aus der Ruhe und dem Innehalten, aus der Ausrichtung auf Gott Neues entsteht, und dass in diesem Neuen Lebensglück und Lebensfreude liegen. Gott hält für uns und die Welt neue Möglichkeiten bereit. Möglichkeiten, von denen wir nichts ahnen.
Denn er verheißt uns: „Wenn du deinen Fuß am Sabbat zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat »Lust« nennst und den heiligen Tag des Herrn »Geehrt«; wenn du ihn dadurch ehrst, dass du nicht deine Gänge machst und nicht deine Geschäfte treibst und kein leeres Geschwätz redest, dann wirst du deine Lust haben am Herrn, und ich will dich über die Höhen auf Erden gehen lassen und will dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob; denn des Herrn Mund hat's geredet.“ (Jesaja 58,13-14)
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort: Dorothee Sauer, Co-Dekanin Balingen